Digitale Basis stärken: Wie KMU den Tool-Wildwuchs in den Griff bekommen
Kennst du das? Ein Tool für Angebote, eines fürs CRM, eines für Projekte – und fünf «Helfer», die niemand mehr wirklich überblickt. Tool-Wildwuchs ist in Schweizer KMU die Regel, nicht die Ausnahme. Das Problem ist selten die Technologie. Meistens fehlt eine gemeinsame Leitplanke.
Dieser Beitrag zeigt dir, warum das so ist – und wie du mit einem klaren Gameplan Ordnung schaffst und die digitale Basis deines KMU in Wochen spürbar stärkst.
Tool-Wildwuchs ist selten das eigentliche Problem
Viele KMU kennen die Situation: Ein Tool für Angebote, eins für Projekte, eins fürs CRM, eins für Support – dazu fünf «kleine Helfer» für Formulare, Signaturen und Planung. Nichts davon ist per se falsch. Schwierig wird es, wenn jedes Team «sein» Werkzeug auswählt und niemand mehr weiss, was wo gilt.
Das ist kein Bauchgefühl. Es ist Realität in fast jedem KMU, das schnell gewachsen ist.
Was die Zahlen zeigen (Okta, 2025)
Okta misst seit Jahren, wie viele Apps Unternehmen einsetzen. 2024 lag der Durchschnitt bei 93 Apps pro Unternehmen – nach einem erneuten Anstieg. Und 2025 hat der globale Durchschnitt erstmals die Marke von 100 Apps pro Kunde überschritten.
Wenn schon grosse Organisationen daran knabbern, trifft es KMU oft noch härter: weniger Zeit, weniger Rollen, weniger Puffer.
Drei Warnsignale, dass deine Tool-Landschaft zum Risiko wird
1. Doppelte Arbeit wird zur Normalität
Eine Adresse wird im CRM korrigiert, in der Buchhaltung vergessen, im Newsletter-Tool steht sie noch falsch. Das Team macht's irgendwie – bis es knallt.
Was das bedeutet: Wenn manuelle Korrekturen zum Standardvorgehen werden, zahlt dein Team die Rechnung in Zeit und Nerven – täglich.
2. SaaS-Kosten wachsen unbemerkt
Viele Abos sind klein, die Summe ist gross. Besonders teuer sind ungenutzte Lizenzen. Gartner wird in diesem Kontext häufig zitiert: Mindestens 30 % der SaaS-Lizenzen seien ungenutzt oder zu wenig genutzt – und ohne zentrale Steuerung drohe Überzahlen über Jahre.
Was das bedeutet: Tool-Wildwuchs ist kein Komfortproblem. Er hat direkte Auswirkung auf deine Kostenbasis – und sie wächst still.
3. Sicherheit wird zur Glückssache
Je mehr Apps, desto mehr Zugänge, Passwörter, Freigaben und Datenorte. Okta beschreibt das als wachsende Angriffsfläche – schlicht, weil mehr Anwendungen auch mehr zu schützen bedeutet.
Was das bedeutet: Jede neue App ohne Governance-Regel ist ein potenzielles Sicherheitsrisiko. Nicht weil die App schlecht ist – sondern weil niemand weiss, wer Zugriff hat und warum.
Warum KMU besonders schnell in den Tool-Wildwuchs geraten
Zwei Gründe sehe ich in der Praxis immer wieder:
Erstens: Es fehlt die gemeinsame Leitplanke. Auf dem Schweizer KMU-Portal wird in einem Interview festgehalten, dass nur knapp die Hälfte der Schweizer KMU eine Digitalstrategie oder einen digitalen Masterplan hat. Ohne diese Leitplanke entscheiden Teams pragmatisch – und das ist verständlich. Es ist sogar richtig, solange es kurzfristig ist. Das Problem entsteht, wenn «pragmatisch» zum Dauerzustand wird.
Zweitens: Verantwortung ist verteilt, Wissen ist extern. Viele KMU arbeiten mit IT-Dienstleistern. In einer Studie von digitalswitzerland geben rund 79 % der befragten KMU an, von einem oder mehreren IT-Dienstleistern unterstützt zu werden. Das hilft im Alltag – ersetzt aber keine gemeinsame Sicht darauf, welche Systeme «Kern» sind und welche nur Beiwerk.
Was eine starke digitale Basis für KMU wirklich bedeutet
Eine starke digitale Basis ist kein neues System und kein Mammutprojekt. Es sind vier Bausteine, die zusammen Ordnung schaffen – und die du nacheinander angehen kannst.
1. Klarer Prozesskern
Definiere 5–8 Kernabläufe, die dein Geschäft tragen. Beispiele:
- Lead bis Auftrag
- Auftrag bis Rechnung
- Einkauf bis Zahlung
- Reklamation bis Lösung
- Eintritt bis produktiv (Onboarding)
Die Frage ist simpel: Welche Schritte müssen sitzen, damit du liefern kannst – auch wenn jemand krank ist? Genau diese Prozesse brauchen Stabilität. Alles andere kann flexibel bleiben.
2. Ehrliche Systemlandkarte
Du brauchst keine perfekte Dokumentation. Du brauchst eine, die stimmt.
Erstelle eine Liste mit:
- Tool / Anbieter / Besitzer:in (fachlich)
- Datenarten (Kunden, Aufträge, Personal, Finanzen)
- Schnittstellen (manuell, Export/Import, API)
- «System of Record»: Wo ist die führende Quelle?
Tipp: Entscheide pro Datenart genau eine Quelle, die «wahr» ist. Alles andere hängt daran oder konsumiert daraus. Wer diese Entscheidung nicht trifft, kämpft dauerhaft gegen inkonsistente Daten.
3. Saubere Zugangsverwaltung
Viele KMU unterschätzen nicht Technik, sondern Alltag: «Kannst du mir schnell Zugriff geben?» Wenn das zur Standardfrage wird, ist es Zeit für Regeln.
Minimum-Set:
- Rollen (z. B. Verkauf, Projektleitung, Buchhaltung) mit Standardrechten
- Ein Onboarding-/Offboarding-Check (inkl. Geräte und App-Zugänge)
- Ein Ort, wo Zugänge verwaltet werden – nicht in Köpfen
4. Governance, die zum KMU passt
Governance klingt nach Konzern, ist aber im KMU überlebenswichtig. Kurz gesagt: Wer entscheidet, wer bezahlt, wer betreibt, wer trägt das Risiko?
Wenn das unklar bleibt, gewinnt immer das lauteste Problem – und der Wildwuchs startet von vorn.
Die Schweiz verfolgt im Rahmen der Digital Switzerland Strategy unter anderem das Ziel, Schnittstellen und einen API-first-Ansatz stärker auszubauen, um Systeme besser verbindbar zu machen. Für KMU ist die Übersetzung pragmatisch: weniger Handarbeit zwischen Systemen, klarere Datenwege.













